La vieja serenada

In einer Bar in San Telmo – Buenos Aires:

 

Muchachos esta noche saldremos por los barrios
a revivir las horas de un tiempo que pasó
será una pincelada de viejas tradiciones
y al son de la guitarra dirán que no murió.
Iremos por San Telmo, Barracas, Puente Alsina
y en Flores dejaremos prendida en un balcón
la vieja serenata que nadie, nadie olvida
por eso es que ésta noche se hará recordación.

Mujer,..mujer no te olvida
aquél que fué y te cantó
en noches de luna llena
junto a tu reja su amor.
Y al escuchar del trovero
la dulce queja galana
abriendole la ventana
un ..muchas gracias,..se oyó.

Por todas la parroquias revive en los balcones
la vieja serenata del mozo trovador
si parecen que hablaran jazmines y malvones
como pidiendo acaso la vuelta del cantor.
Por eso es que esta noche, muchachos los invito
pondremos en los barrios un poco de emoción
y al ver que las ventanas se abren despacito
muchachos!..ésta noche, yo pierdo el corazón.

( Sandalio Gómez/ Teofilo Ibáñes)

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Die leckersten Empanadas der Welt – Erinnerungen an Nordargentinien

„Salta – so schoen dass du dich verlieben wirst.“ –  so wirbt Argentinien fuer ihre Stadt hoch im Norden, dicht an der Grenze zu Bolivien und Chile.

Das Wetter in Buenos Aires ist noch immer grau und nass. Auf der Wetterkarte  zeigt eine Sonne fuer den Norden hingegen strahlendste Fruehlingstage an. Ich packe also den Rucksack  und mache mich auf den Weg.

Ein Taxifahrer redet auf mich ein:   „Komm, wir trinken eine Tasse Kaffee und dann fahre ich dich nach Hause.“ Ich lasse es darauf ankommen: Kommen wir zu spaet zum Flughafen, dann bleibe ich. Wir kommen zu spaet – doch auch das Flugzeug hat Verspaetung. So soll es wohl sein.

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Als ich in Salta ankomme, sind die Kathedralen und Kirchen bis spaet in die Nacht hinein hell erleuchtet. Messen werden per Bildschirm uebertragen, und Priester verabreichen den in langen Schlangen anstehenden Glaeubigen die heilige Kommunion.

Gesang in den Kirchen und auf den Plaetzen.

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Ein Event ganz anderer Art findet am Abend in einer kleinen Discothek in Salta statt: Rein zufaellig faellt mein Blick auf ein Plakat: Die Toten Hosen sind on Tour in Argentinien. Heute! Hier!!!! Es wimmelt von Deutschen in der Stadt und ganz schnell habe auch ich eine Karte. Die Toten Hosen haben eine riesengrosse Fangemeinde in Argentinien. Campino wird geliebt, und jedes seiner gebrochen spanischen Worte mit frenetischem Applaus gefeiert. Es ist eng in der kleinen Diskothek, und doch respektvoller, als ich es aus Deutschland kenne. Ein junger Mann legt mir seinen Arm um die Schultern: Er ist viel textsicherer als ich. Zusammen bruellen wir aus tiefstem Herzen: „Steh auf, wenn Du am Boden liegst!!!!“

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Mein naechster Anlaufspunkt: Die Seilbahn hoch auf den Teleferico, von dem aus man einen spektakulaeren Blick auf die Stadt und den Sonnenuntergang hat. Es gibt auch etwas zu essen, also, theoretisch. Praktisch beschraenkt sich das Angebot auf Kaese mit einem Klecks Dulce de membrillo, einer Art Marmelade, und Quilmes, einem leichten, angenehmen .Bier.

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Dabei hat Salta an Kulinarischem weit mehr zu bieten. Die Naehe zu Peru erkennt man an den vielen, aus Mais hergestellten Speisen wie Tamales und Humitas, mit einer Mais-Masse gefuellten Paeckchen. Und die hiesigen Empanadas gelten als die koestlichsten der Welt.

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Waehrend ich auf das Essen warte kommt einer der vielen Schuhputzer auf mich zu. Kein Wunder, meine Schuhe sind vom vielen Wandern im Strassenstaub kaum mehr als solche zu erkennen. Aber ihn diesen Dreck wegmachen zu lassen, das ist mir mehr als unangenehm.

„Komm,“ sagt er, „ich putze sie dir kostenlos.“ „Nein, bitte nicht. Es beschaemt mich, wenn du da so vor mir kniest.“ Da schaut er mir mit einem festen, klaren, selbstbewussten Blick in die Augen, den ich wohl nie vergessen werde: „Das muss dir ùeberhaupt nicht peinlich sein. Denn weisst du, das ist doch meine Arbeit.“

Die Nordargentinier haben die dunkle Haut der Peruaner, doch die kraeftige Statur und das Temperament der Suedargentinier. Mal gibt es einen Abschiedskuss beim Vertragsabschluss, mal liegt eine Telefonnummer der Rechnung bei. Und doch haben auch sie tiefe Zweifel. Nicht nur in Afrika gilt helle Haut als Schoenheitsideal. „Wir sind haesslich, nicht wahr?“ fragt mich einer von ihnen. In den Laeden gibt es Cremes zu kaufen, die die Haut heller machen sollen. Oh, Leute! Was soll man da sagen? Ich erzaehle ihm von den Solarien, in denen wir Mitteleuropaer  fuer viel Geld unsere Haut verhuntzen, nur um ein wenig attraktiver zu sein.

Da lacht er schallend.

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Mit Handgepaeck durch Lateinamerika

„Mir ist kalt.“ Ich ziehe die Decke noch ein Stueck hoeher, bis zur Nase. „Ich kann den Ofen anmachen, wenn Du willst.“ „Nein, das meine ich nicht.“ In den letzten Wochen war ich so damit beschaeftigt, tagsueber die Schule zu Ende zu bringen und nachts durch die Bars und Milongas von Buenos Aires zu ziehen, dass mir der Winter nichts ausgemacht hat. Der Winter in Buenos Aires aehnelt dem Herbst in Deutschland: Es wird nie so kalt, dass es schneit, doch der Himmel ist meist grau und verregnet. Vom Suedpol her weht ein rauer Wind ueber den Rio de la Plata. Er verschafft sich Eintritt am Puerto Madero und kriecht durch die Strassen von San Telmo direkt in die Wohnung. „Ich meine, ich hab Sehnsucht nach Sonne. Ich will in den Norden.“ „Wann?“ „Weiss nicht. Morgen, uebermorgen?“ Fuer einen Moment ist es still: „Nimm meinen Rucksack. Der ist leichter.“

Auf dem Weg zur Ilha Grande

Mitten in der Nacht komme ich in Rio de Janeiro an. Und renne erst einmal gegen eine knallharte Sprachbarriere. Hat tatsaechlich einmal jemand behauptet, Portugiesisch und Spanisch seien sich so aehnlich? Ganz, ganz langsam sprechend und dabei mit Haenden und Fuessen gestikulierend, gelingt es mir, mich verstaendlich zu machen. Um beispielsweise den Taxifahrer davon zu ueberzeugen, mich bitte nicht einfach vor einem grossen verriegelten Eisentor in der Naehe eines Armenviertels – einer Favela – abzusetzen. Ich kann mir beim besten Wilen nicht vorstellen, dass das mein Hotel sein soll.


In der Nacht zeigt sich Rio mit einer ziemlich haesslichen Fratze. Selten habe ich mich so vorsichtig und begleitet von tausend Warnungen durch eine Gegend bewegt. Am Tage hingegen bin ich ueberrascht von dieser modernen Stadt, der es richtig gut zu gehen scheint. Das Brasilien eine rasante Entwicklung hingelegt hat, und heute als der wirtschaftliche Motor der Mercosurstaaten gilt – ich glaube es gern.

Die Avenida Atlántica wird morgens jeweils in eine Richtung gesperrt, damit der Berufsverkehr fliessen kann. Knapp 12 Millionen Einwohner leben in Rio. Ich goenne mir eher durch Zufall einen Hubschrauberflug ueber die Stadt, und bekomme eine Ahnung von den Dimensionen: Hinter jedem Huegel kommt ein neuer Haeuserteppich zum Vorschein.


Ipanema, Copacabana, entlang der Avenida Atlántica breiten sich Rios Traumstraende mit weissem Sand und herrlichem Wasser aus. Gesaeumt von kleinen Buden, die mit Kokosnuessen und Capirinha locken. Kurz mal dem Stadtgetuemmel entfliehen und am Strand faulenzen – hier ist das moeglich.



Auf den beruehmten Zuckerhut gelange ich jedoch nicht mit dem Hubschrauber, sondern gemuetlich mit einer der aeltesten Seilbahnen der Welt. Unterwegs bietet sich ein atemberaubender Blick auf die Bucht, durch die sich Flugzeuge im Landeanflug manoevrieren. Etwas entfernter wird Christus auf dem Corcovado immer mal wieder von Wolken verhuellt.


Rund um den Corcovado befindet sich ein riesengrosses Naturschutzgebiet, mitten in der Stadt. Es heisst, nicht selten sollen sich Menschen dort so verlaufen haben, dass sie erst nach Tagen wieder aufgetaucht sind.

Ganz in der Naehe ruecken sich die Haeuser der Favelas in den Blick. Direkt neben Hochhausern und Luxushotels wachsen sie weiter und weiter.



Brasiliens fruehere Hauptstadt ist voller Leben, sie ist laut und pulsiert.



Das ganze Gegenteil davon ist Montevideo. Die Hauptstadt von Uruguay wirkt, als wuerde sie schlafen. Vom Glanz vergangener Zeiten, als sie als die Schweiz Suedamerikas galt, ist nicht viel zu sehen.


Witzig allerdings: Die wenigen Menschen, denen ich begegne, tragen meist eine Thermoskanne unter dem Arm: Ohne seinen Mate geht hier kaum jemand aus dem Haus. Auch im Hostel steht Mate bereit, wie andernorts Tee oder Kaffee. Wir lassen ihn in guter alter Tradition zur Begruessung im Mehrbettzimmer kreisen, denn Mate trinkt man in Gemeinschaft.


Zudem versinkt Montevideo im Regen – Grund genug, den naechsten Bus nach Colonia de Sacramento zu nehmen. Zwei Stunden lang geht es wieder in Richtung Norden: Uruguay, die Heimat von Eduardo Galeano, ist vor allem gruen.

Auch Colonia ist ausgesprochen ruhig, doch viel schoener. Der Himmel klart auf, waehrend ich duch das Weltkulturerbe aus portugiesischen Kolonialbauten streife. Ganz Colonia wirkt wie ein riesengrosses Museum.




Am Ende winkt die Faehre ueber den Rio de la Plata – zurueck nach Buenos Aires. „Maedchen, bist du auf der Reise?“ ruft der Kapitaen.

Und auf was fuer einer.

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Money makes the world go round …

Aus Kuba wieder auszureisen ist genauso spannend wie schon die Einreise. Nein, eigentlich noch deutlich spannender.

Hier einige mit blank gelegten Nerven gelernte Lektionen:

Drei Stunden vor dem Abflug am Flughafen in Havanna zu sein ist knapp – sehr, sehr knapp.
Die Grenzbeamten darauf hinzuweisen, dass der Flug schon zum zweiten mal aufgerufen wurde bringt nicht mehr ein, als die kurze, gebellte Aufforderung, einen Schritt zurueckzutreten. Dann wird die Unterhaltung seelenruhig fortgesetzt.

Die Ausfuhr von Peso Convertible ist verboten. Dennoch sollte man bis zum Schluss ausreichend davon bei sich tragen, denn:

  • die Flughafensteuer muss extra und in bar entrichtet werden, sonst gibt es keine Bordkarte
  • saemtliche Geldautomaten werden bis zum Vormittag abgeschaltet
  • Argentinische, Chilenische oder Peruanische Waehrung wird von den Wechselstuben nur mit einem mueden Laecheln bedacht.

Aber:

Alles, wo Dollar draufsteht wird sehr gerne genommen. Vor aller Augen nehme ich mein Gepaeck auseinander. Aus den tiefsten Niederungen meines Rucksackes fische ich ein Abschiedsgeschenk, bestehend aus ein paar Neuseelaendischen und Australischen Geldscheinen – Gerettet!

Money makes the world go round. Das sieht man auch deutlich in Panama:

Der Taxifahrer kuesst alle zwanzig Sekunden das Kruzifix am Rueckspiegel, waehrend wir uns auf gut ausgebauten Strassen langsam auf die glitzernde Skyline zubewegen. Panama ist das Bankenzentrum Lateinamerikas schlechthin. Steueroase und ein Paradies fuer Investoren. Fuer reiche Rentner, die ihren Lebensabend unter Palmen und tropischer Sonne verbringen moechten. Oder vielleicht auch fuer Geldwaescher aus Kolumbien. Richtig investiert gibt es das Dauervisum gleich dazu. Oh, wie schoen ist Panama!



Haupteinnahmequelle ist allerdings der Panama-Kanal, der quer durch die engste Stelle Amerikas hindurch die beiden Meere miteinander verbindet. Und das ist dann schon ein beeindruckendes Gefuehl, genau an der Stelle zu stehen, wo vor mehr als hundert Jahren Geschichte geschrieben wurde. Was fuer eine verrueckte Idee ist das eigentlich: Ach, komm, wir kuerzen die Route mal ab und graben uns einmal durch einen Kontinent? Nun gut, es hat ja auch einige Anlaeufe gebraucht und jede Menge Geld und Leben gekostet.


Heute bringt der Kanal im Jahr eine Milliarde Dollar ein.

Es riecht nach Geld. Und nach Fisch. Unweit der malerischen Altstadt dringt ein penetranter Geruch aus der Fischfabrik. Die Strassen werden holpriger und staubiger. Promt werde ich, schon wieder, angehalten. Ein netter Herr von der „Touristenpolizei“ bittet mich eindringlich, auf keinen Fall weiterzugehen, und niemanden ausser seinen Kollegen nach dem Weg zu fragen. Nur einige Schritte weiter – halb ist es Neugierde, halb fehlender Orientierungssinn – bin ich mitten drin in einem so ganz anderen Panama-City.


Sonne, Stand, Palmen, Kultur und heftige Kontraste: Es herrscht eine ganz seltsame Atmosphaere in dieser Stadt. Auf der einen Seite geht gerade mal ein Bruchteil der Bevoelkerung einer geregelten Arbeit nach, auf der anderen Seite ist alles so im Wachstum begriffen.

Plaene fuer den Ausbau des Panamakanals gibt es schon jetzt. – Money makes the world go round.

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Der Salsa-Kurs

In Peru war ich noch ueberzeugt davon,  dass an die Schoenheit dieser Landschaft nichts mehr heranreichen koenne. Doch Kuba ueberrascht aufs Neue. Diesmal mit wildromantischen Taelern.

Valle de Viñales

In Pinar del Rio zum Beispiel, im Westen des Landes. Die Heimat der Tabakplantagen ist von Havanna aus schnell erreicht. Sie gilt als eine der schoensten Gegenden Kubas.

Oder in der Umgebung von Trinidad an der Suedkueste. Dorthin fahre ich gemeinsam mit einer Gruppe US-Amerikaner, die ueber einen Umweg via Mexiko eingereist sind. Sie muessen nicht befuerchten, dass ihr Reisepass sie eines Tages verraten wird, denn Kuba stempelt bei der Einreise nur die Touristenkarte. Die sollte man allerdings nicht verlieren.

Trinidad

In wenigen Stunden fahren wir einmal quer ueber die Insel in die alte Kolonialstadt – und befinden uns in einer voellig anderen Welt. Keine Cadillacs praegen das Strassenbild, dafuer jede Menge Pferde. Mal mit Kutsche, mal ohne. Doch auch hier findet das Leben auf der Strasse statt, begleitet von viel Musik.

„Obruni!“ – das kenne ich doch irgendwoher?  „Obruni!!! Willst du tanzen?“ Ich erinnere mich, dass ich beim letzten Salsa-Versuch keine wirklich gute Figur abgegeben habe.  „Nein, lass mal, das kann ich nicht.“ „Kannst du!“ Schon einen Augenblick spaeter werde ich, umgeben von einer breit lachenden Menschenmenge, durch den Strassenstaub gewirbelt. Der Mann fuehrt so gut, dass fuer Nicht-Koennen gar keine Chance bleibt. Was fuer ein Rhythmus! Wir tanzen noch weiter, als schon gar keine Musik mehr spielt.

„Sag mal, willst du das nicht bei mir lernen?“ fragt eine Frau, die die Szene beobachtet hat, und sich als Salsa-Lehrerin vorstellt. „Erzaehl’s aber nicht unbedingt den Leuten, bei denen du wohnst.“ Nun, das kenne ich ja schon. Aber, warum auch nicht? Als wir kurz darauf barfuss in ihrem Wohnzimmer stehen, verkeilt sie erst einmal die Tuer mit einem Sessel, und zieht sich bis auf die Unterwaesche aus. Ich frag´mich kurz, wann ich eigentlich damit begonnen habe, zu wildfremden Leuten in die Wohnung zu gehen. Und ob nicht genau jetzt der Moment gekommen ist, damit aufzuhoeren. Aber dieses offene Laecheln…

Sie laesst sich seufzend in den anderen Sessel fallen und faengt an, den Preis auszuhandeln. Inklusive eines Anteiles, den sie „fuer die Revolution“ abzufuehren haette. Sie salutiert grinsend. Dann schimpft sie noch ein wenig ueber ihre Nachbarn, die den Touristen so unverschaemte Preise abknoepfen wuerde, dass es eine Schande sei, und faengt dann mit ernster Mine an, mir die Schritte beizubringen.

Ueberraschungsgaeste auf der Terrasse…

Am Abend sitzen wir Cuba Libre trinkend vor dem Fernseher. Mit Pathos und Stolz wird von den karibischen Sprintern berichtet. „Du, ich wuerd dich so gerne zum Essen einladen. Aber ich hab nur Bohnen und Reis?“ Ich steuere Fleisch und Fisch bei, und zusammen kochen wir so viel, dass es fuer die halbe Strasse reicht. Die kleine Tochter – vier und schon jetzt eine kleine Salsa-Queen- tanzt waehrenddessen durch die Wohnung: „Heute ist ein Fest, heute ist ein Fest…“

Wenn ich nicht gerade neue Tanzschritte lerne, erkunde ich die Umgebung. Meistens auf einem klapprigen Fahrrad. Zur Wahl stehen wunderschoene Straende oder Lagunen, grauenhafte Plattenbauten und saftig gruene Landschaft. Ganz in der Naehe befinden sich die Berge der Sierra de Escambray, in der Che Guevara waehrend der kubanischen Revolution eine Basis hatte.

Hier wird Zuckerrohr gepresst…

… und Kaffee geroestet.

Che, der Argentinier, der eigentlich Ernesto hiess und dessen Spitzname von der argentinischen Redewendung „Che“ – Mann, oder hoer‘ mal – stammt, wird hier wie ein Heiliger verehrt. In Trinidad wurde ein altes Kloster zu einem Revolutionsmuseeum umgestaltet.

Waehrend ich schwitzend und schnaufend mein quietschendes Fahrrad den Berg hinaufschiebe, winken mir halbe Kompanien von ihren Lastwagen aus froehlich zu. Gelegentlich haelt jemand an, und fragt ob ich Hilfe brauche. Ein junger Mann auf einem Fahrrad aber versetzt mir im Vorbeifahren einen Schlag, dass ich fast vornueber falle. So wie der weiterfaehrt war das weder ein Versehen, noch ein seltsamer Flirtversuch. Das war eher ein „Scheiss-Touri-sieh-zu-dass-du-nach-Hause-kommst“.

Ich frag mich manchmal wirklich, ob Kuba nicht ohne Touristen, nun, zumindest ruhiger leben wuerde. Wir kommen, schaffen ein bisschen Chaos in der Gesellschaft, und dann gehen wir wieder, waehrend sie bleiben muessen.

Auf dem Friedhof von Havanna

„Ach, komm“, ist die Antwort, als ich zurueck in Havanna am Malecón wieder meine Fragen stelle, „das ist doch gar nicht das Problem. Es ist die Blockade. Und ausserdem haben wir kaum noch jemanden, der uns unterstuetzt. Aber wir halten durch, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie. Irgendwie,“ seine Augen strahlen jetzt,  „bin ich da auch ganz schoen stolz drauf.“

Wir schauen gemeinsam eine ganze Weile aufs Meer. Dann meint er leise: „Aber ich hau ab. Irgendwann.“ Oh, Mann, sag ich. Ich wuensch dir, dass es klappt. „Nein,“ antwortet er. „Es wird klappen. Es muss.“

P.S.: Diese Erlebnisse stammen aus dem Juni, Juli dieses Jahres. Waehrend ich sie aufschreibe, hoere ich, dass Kuba fuer das naechste Jahr Reisefreiheit angekuendigt hat. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das freut.

 

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Cuba libre?

„Das Beste, was man vom Reisen nach Hause bringt, ist die heile Haut.“ sagt ein persisches  Sprichwort. Auch wenn mir bisher – zum Glueck – noch nichts Schlimmeres widerfahren ist: Ungeuebt in Sachen Weltreisen wie ich bin, mache ich natuerlich jede Menge falsch.

Den ersten kapitalen Fehler begehe ich noch in Buenos Aires:  Ich verknall‘ mich. Also, jetzt nicht nur so ein bisschen. Sondern so richtig. Nach etlichen Wochen in Peru ist mir klar, dass ich endlich mal damit aufhoeren kann, mir etwas vorzumachen. Und jetzt?! Ein Gespraech beim Friseur in Lima, so ganz unter Frauen: „Also ich wuerde mich fuer den Mann entscheiden.“ „Ich mich fuer die Reise.“  – Ich: Will beides. Man lebt schliesslich nur einmal. Auch wenn das bedeutet, dass saemtliche Reise- und Budgetplanungen endgueltig in heillosem Chaos versinken werden.

Wandmalerei in einer Strasse in Havanna

Fehler Nummer Zwei: Spontan auf dem Airport einen Flug buchen. Ein Flug von Lima nach Buenos Aires ist da in etwa genauso teuer, als floege man von Deutschland aus. Nach stundenlanger Suche stellt sich heraus, dass ein „Umweg“ ueber Havanna das Ganze nur noch unwesentlich verteuern wuerde. Hmmm, Kuba, da wollte ich ja schon immer mal hin… Die „Touristenkarte“, das Visum fuer Kuba, erhalte ich in minutenschnelle in der Botschaft. In der Nacht geht es dann gen Norden, mit einem Zwischenstopp in Panama. Und genau da mache ich

Fehler Nummer Drei: Im Shoppingparadies Panama sehe ich so einen suessen kleinen Laptop, wie schon seit Monaten nicht mehr. Zu so einem suessen kleinen Preis! Ich denke nicht daran,  dass mich die Kombination aus nagelneuem PC und hundsdreckigem Daypack plus zerrissenen Jeans ohne Umweg ins Visier der kubanischen Grenzbeamten ruecken wird.

Ich sehe noch, wie einer der Polizisten seinen Blick ueber die Schlange schweifen laesst, da kommt er auch schon direkt auf mich zu. Was ich jetzt hoere ist wohl die spanische Version von „Gaemmse doch bidde mol mid“. Die naechste halbe Stunde verbringe ich damit, wahrheitsgemaess (moeglicherweise Fehler Nummer Vier) immer und immer wieder die gleichen Fragen zu beantworten: „Was haben Sie so lange in Ghana gemacht? Fuer wen arbeiten Sie? Sind Sie Mitglied einer NGO? Wo haben Sie den Laptop gekauft, und warum? Wie viele Speicherchips haben Sie dabei? Warum haben Sie den Laptop in Panama gekauft und nicht in Peru?  …“ Waehrend ich kurz davor bin, zu platzen, fluestert eine kleine Stimme in mir eindringlich: „Halt die Klappe, halt jetzt bloss die Klappe!“

Gemaelde im Revolutionsmuseum

Als er fertig ist, dreht mein  Rucksack einsam auf dem Rollband seine Runden. Ich hab gerade alles verstaut und auf der Huefte festgezurrt, da kommt „Good Guy“. Sanft meint er, dass es doch super schoen waere, wenn er da mal reinschauen duerfe.  Da-mal-reinschauen bedeutet, er nimmt ihn ganz, ganz langsam komplett auseinander. Waehrenddessen geht die Fragerei von vorne los: „Und warum haben Sie nochmal den Laptop gekauft?“ Bad Guy kommt mit stechendem Blick dazu: „… in Peru?“ „Nee, in Panama.“

Irgendwann ist mein Gepaeck wieder zusammengepackt und die beiden gehen einen Schritt zur Seite um ihre Notizen miteinander zu vergleichen. Kurz darauf kommen sie mit dem strahlendsten Laecheln zurueck, dass man sich vorstellen kann: ¡Bienvenida a Cuba!

Die karibische Sonne strahlt genau so, waehrend es im Taxi in die Altstadt von Havanna geht. Im Gegensatz zu Peru wirkt alles auf den ersten Blick sehr gluecklich: An den Waenden preisen Spruchbaender den Sieg der Revolution, aus den offenen Fenstern und Tueren schallt Reggaeton und Salsa. Davor sitzen die Kubaner und spielen Domino, oder unterhalten sich.

Einer von ihnen greift mir sofort unter die Arme, als ich aus dem Taxi steige: Ein ehemaliger Profiboxer, der meinen Rucksack laessig wie ein Handtaeschchen ueber die Schulter wirft und ihn in die Casa Particular traegt – eine Privatwohnung, die gegen Devisen an Touristen vermietet werden darf. Warum ich denn ausgerechnet bei dieser Familie gebucht haette? Oh, Himmel, sind die teuer. Er kenne da deutlich bessere Unterkuenfte…

Waehrend der folgenden Wochen werde ich das noch haeufiger hoeren. Die Preise sind ueberall aehnlich, doch der Kampf um die Touristen ist ueberlebenswichtig.

„Hier“, so erklaert es mir eine junge Frau kurz darauf „koennen wir einkaufen.“ In den Laeden, in denen die „Moneda Nacional“, die eigentliche kubanische Waehrung, als Zahlungsmittel gilt, sehe ich: Obst, Eier, Zucker und Rum. Leere Regale und ein Bild von Fidel Castro. Lebensmittelmarken.  „Und das hier ist fuer die Touristen.“ Fuer Pesos Convertibles, dem kubanischen Aequivalent zu US-Dollars,  gibt es alles, was das Herz begehrt. „Bitte,“ sagt sie, „kannst Du mir nicht ein bisschen Geld geben? Fuer Milch und Fleisch? Ich bin doch schwanger.“ Traenen in den Augen. Schwupps, geht das Portemonnaie auf –

Fehler Nummer Fuenf: Uninformiert wie ich bin, habe ich ihr gerade das Monatsgehalt eines Chirurgen in die Hand gedrueckt. Mit einem Umrechnungskurs von 24:1  von Peso Cubano zu Peso Convertible verdient ein Arzt  etwa zwanzig Dollar im Monat.  Sollte er einmal das Beduerfnis haben, sich ein saftiges Steak in die Pfanne zu hauen. Fuer die Moneda Nacional kann er sich allerdings jede Menge Rum kaufen.

Die Bitte um Geld fuer Milch hoere ich noch in vielen Varianten, oder auch das Angebot, in der Wohnung von Diesem oder Jenem zu uebernachten. Nein, er haette keine behoerdliche Lizenz, doch das waere auch gar nicht schlimm. Doch! Das kann richtig Aerger geben. Der Staat verdient an jedem vermieteten Zimmer naemlich kraeftig mit. Und diesen Fehler mache ich zur Abwechslung mal nicht.

Offene Tueren, aus denen Musik schallt. Kubaner, die zu jeder Tages- und Nachtzeit vor ihren Hauesern sitzen: Wer es irgendwie schafft, an Devisen zu kommen, hat deutlich mehr vom Leben. Dann hat man auch die Chance, einmal in einer der vielen traumhaft schoenen Bars von Havanna zu sitzen. Wie der Bodeguita del Medio, in der Hemingway seinen Mojito, oder der Floridita,  in der er seinen Daiquiri trank.

Hemingway – Statue in der „La Floridita“

Fahrrad-Taxis kutschieren Toristen an die schoensten Orte. Wie in das morbid-romantische Habana Vieja, in dem es scheint, als waere die Zeit stehengeblieben.

Wie sie es bloss schaffen, das die alten Caddy´s noch fahren, frage ich. „Maedchen, wir haben doch keine andere Wahl.“ – ist die trockene Antwort.

Am Malecón trifft man sich taeglich zum Sonnenuntergang: Es gibt Musik, Cola und Rum, Saefte, nach denen man suechtig werden koennte…  Es dauert nicht lange, und man kommt in beeindruckend offene Gespraeche.

Am Malecón.

Traditionell wird noch heute jede Nacht um Neun ein Schuss aus der Kanone abgefeuert.

„Du weisst, dass wir nicht mit Dir reden duerfen?“ Manchmal kontrolliert uns die Polizei, dann werden die Daten meiner Gespraechspartner aufgenommen. Ich werde in der Regel nur gefragt, woher wir uns kennen. Es ginge darum, mich zu schuetzen.

„In jedem Block ein Komitee, in jedem Bezirk Revolution…“

Auch „mein“ Ex-Boxer“ wird kontrolliert, waehrend er mir die Stadt zeigt. Im Gegensatz zu so vielen traeumt er nicht vom Reisen oder Auswandern. Durch seinen Sport hatte er genug Moeglichkeiten, mal raus zu kommen.

„Ich war in Halle“, schwaermt er, „und in Frankfurt/Oder…. Ich war oft in Deutschland. Als es noch demokratisch war.“ Dann schaut er mich mitleidig an: „Du hast die Demokratie ja gar nicht mehr kennengelernt, oder?“

„Doch,“ sage ich. „Doch, doch.“

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Zeit spielt keine Rolle

Der Manu-Nationalpark gab schon einmal einen Vorgeschmack.

Jetzt sitze ich im Flugzeug in Richtung Nordosten und sehe unter mir seit einer halben Ewigkeit einen dichten Teppich: Gruen – nichts als saftiges Grün, durch das sich Flüsse schlängeln. Der Amazonasregenwald ist unglaubliche sieben Millionen Quadratkilometer groß. Mittendrin, lediglich per Schiff oder Flugzeug zu erreichen, versteckt sich die alte Kautschuk-Gräber-Oase Iquitos. Hier, wo sich das Wasser des  Uyacali mit dem Wasser des Marañons vereinigt, und nach und nach den größten Fluss der Erde bildet.

Das Zentrum von Iquitos

Hier, wo die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Wo Häuser und Jesuitenkirchen wie eine Filmkulisse wirken. Nur werden die Kutschen nicht mehr von Pferden, sondern von Motorrädern gezogen. Die kleinen Moto-Taxis summen vom Flughafen ins Zentrum der Stadt und bieten nebenbei gleich jede Menge Informationen an: Wo gibt es die besten Unterkünfte, wo gibt es etwas Gutes zu essen. Mein Tuk-Tuk-Chauffeur fährt mich nicht nur ins Hostel, sondern zeigt mir gleich noch die Stadt und ein sehr authentisches Restaurant, das etwas außerhalb gelegen ausschließlich  von Einwohnern besucht wird. Ich bestelle einmal quer durch die Karte, ohne die geringste Vorstellung davon zu haben, was sich hinter den Namen verbirgt,  sowie zweimal Besteck und Teller bitte – einmal für ihn, einmal für mich. Ich sehe noch, wie die Kellnerin eine Fliege aus dem Saft fischt, bevor sie ihn an den Tisch bringt.

Nach einer weiteren Fahrt über quirlige Dörfer und Märkte erreichen wir das Flussufer. Das ist er also: Der Amazonas. Das Wasser ist trüb-braun und weich. Es heißt, ein Bad darin wäre ein wahrer Jungbrunnen. Allerdings ist kann man nicht sehen, ob das, was einem gerade am Fuss krabbelt, eine Pflanze ist oder ein Piranha. „Die tun aber nichts, so lange man nicht gerade mit einer blutenden Wunde schwimmt.“

Wie es aussieht, wenn Piranhas nach Beute schnappen, kann ich mir kurze Zeit später  einmal ansehen: Da blubbert das Wasser einmal ganz kurz auf, als wuerde es kochen und dann ist alles still. Und der Fleischbrocken weg.

Ein Piranha-Gebiss.

Iquitos ist ganz und gar auf den Tourismus ausgerichet. Deshalb bekommt man die Tierwelt auch nicht mehr so authentisch zu Gesicht, wie es noch im Manu-Nationalpark der Fall war. Doch dafür  ist sie in den Reservaten im wahrsten Sinne des Wortes zum Greifen nahe: Unter den Decken warten Boas und Faultiere entspannt auf Nahrung. Mata-Mata, die Schildkröte, zeigt mal kurz ihr seltsames Gesicht, bevor es wieder unter dem Panzer verschwindet. Sie scheint aus einer vollkommen anderen Zeit zu stammen. Mittendrin wirbeln kleine Affen neugierig um die Beine der Besucher.

Eine Boa. Schlafend, denke ich mal.

Mata-Mata

Schau mir in die Augen, Kleiner.
Faultiere sind ganz weich…

… und ausgesprochen freundlich.

Auch die Yaguas, Angehörige  eines indigenen Stammes im Amazonasgebiet, sind nicht wirklich überrascht, mich zu sehen. Seinerzeit lebten sie von der Jagd und waren Meister im Umgang mit in Curare-Gift getränkten  Pfeilen. Heute leben sie eher vom Verkauf von Kunsthandwerk.

Die größte Attraktion, wegen derer viele nach Iquitos kommen, verkneife ich mir allerdings: Mir wird eine bewusstseinserweiternde und reinigende (heisst das, man kotzt sich die Seele aus dem Leib…?) Schamanen-Kur mit Ayahuasca angeboten. So ein LSD-artiges Zeug, von dem mir später im Flugzeug eine junge Frau mit leuchtenden Augen vorschwärmt, dass die Wirkung noch monatelang anhalten würde. Vielleicht verpasse ich ja gerade das Abenteuer meines Lebens, doch ich erinnere mich noch dunkel daran, dass ein Berliner Psychologe, der mit Halluzinogenen experimentiert hat, heute im Knast sitzt. Nein danke, und schon gar nicht alleine irgendwo im Urwald.

Riesenseerosen

Die Sonnenuntergänge  hier in der Weite des Amazonas sind berauschend genug. Der warme Sand, in dem ich meine Füße  vergrabe, während  die Boote am Ufer vor sich hinschaukeln. Das Schweigen, während ich mein Glück  beim Angeln suche. Oder einfach nur stundenlang in der Hängematte den Geräuschen der Vögel zuhöre. Wenn Zeit plötzlich keine Rolle mehr spielt.

Der Reis auf den Feldern am Ufer des Amazonas zeigt seine grünen Spitzen. Vor den Hütten dörrt Fisch vor sich her.  Zufällig stolpere ich mitten hinein in eine Kinderparty und werde freudestrahlend mit zuckersüßer Torte verwöhnt.

An einem anderen Tag sehen wir uns gemeinsam die Europameisterschaft auf einem verschneiten Bildschirm an. Manchmal wird der Bildschirm auch dunkel. Dann greift einer der Männer nach dem Kanister unter dem Fernseher und schlendert seelenruhig nach draußen: Dem Generator ist gerade mal wieder das Benzin  ausgegangen.

Die Uhren ticken anders hier.

Die Wäsche trocknet nie. Ich gehe nach hinten in die Küche der Lodge, und bereite mir mein Essen selbst zu – weil der Koch gerade die Kellnerin liebt.

Zeit spielt keine Rolle.

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Warten auf den Tapir

Reisen auf der ¨Magischen Route¨ Peru´s gleicht dem Reisen auf einem Ameisenpfad: Immer wieder trifft man auf die gleichen Gesichter. Heute treffe ich auf ein Pärchen aus Barcelona, das ich irgendwo zwischen Paracas und Ica kennengelernt habe. Wir kommen ins Gespräch über dieses und jenes, und wie es mir denn so gefalle… Na, mal abgesehen davon, dass alle um mich herum krank zu sein scheinen, sehr gut. Noch immer habe ich meine Unterkunft in einer Gastfamilie.  Gastvater, -mutter und -bruder husten seit Tagen, was das Zeug hält.

„Sag mal, weisst du nicht, dass es in Peru immer noch die Tuberkulose gibt?“, meint mein Gesprächspartner sehr ernst. „Du solltest da verschwinden.“ Seine Frau strahlt mich an: „Wir fahren morgen in den Regenwald, willst du nicht mitkommen?“ Regenwald klingt gut. War jetzt so nicht auf meiner Liste, aber die hat ja sowieso schon lange keine Relevanz mehr. Regenwald.

Der fängt kurz hinter Cuzco an. Hier befindet sich im südwestlichen  Zipfel des Amazonasbeckens der Manu-Nationalpark. Wir brechen am frühen  Morgen auf und machen uns auf den Weg durch kleine verträumte Quechua—Dörfer. Vorbei an den Ruinen eines alten Inka-Friedhofes, und wieder durch Städtchen  mit so wohlklingenden Namen wie Paucartambo, die – ganz im Gegensatz zu Cuzco – noch ein Leben jenseits von Touristenströmen zu führen scheinen.

Ninamarca – Grabstaetten der Inka

Unterwegs bleibt Zeit fuer ein rustikales Frühstück: Scharf gewürzte Fleischsuppe wärmt  und stärkt für den Tag.  Nach und nach wird die Straße nach Manu ebenfalls deutlich rustikaler und enger. Dafür gibt sie den Blick frei auf die malerische Landschaft des „Bergnebelwaldes“.  Es wird immer wärmer  und – Regenwald eben – deutlich nässer.

Bizarre Geräusche begleiten uns durch die Nacht, dann geht es weiter. Ich lerne, dass Autos und Motorräder deutlich mehr aushalten können, als man sich das so denkt. Und dass man Truthähne nicht reizen sollte. Dass Coca-Plantagen nur eine begrenzte Größe haben dürfen und man fuer die Herstellung von Kokain Kerosin benötigen würde. (Mehr wird uns nicht verraten, denn das ist natürlich auch in Peru illegal.)

Coca-Pflanze

 

Irgendwann geht es nur noch mit dem Boot weiter. Hier wird alles per Boot transportiert, vornehmlich Bananen. Wir fahren auf dem Alto Madre de Dios zum Río Manu. Dorthin, wo im vorletzten Jahrhundert das Kautschuk-Fieber tobte. Fitzcarraldo, der legendäre Kautschuk-Baron, entdeckte dieses Gebiet. Kurz bevor er auf die Idee kam, ein Schiff über einen Berg zu schaffen. Und lange, bevor Klaus Kinski diese Rollespielte.

Der Manu-Nationalpark birgt so seine Geheimnisse. Nur ein kleiner Teil des Parks ist überhaupt für Besucher freigegeben. Im Innern leben, gut geschützt, Indianer, die von unserer Zivilisation nichts wissen, und vielleicht auch gar nichts wissen wollen.

Dafür machen wir uns auf die Suche nach anderen versteckten Schönheiten. Dem Andenfelsenhahn zum Beispiel. Der knallrote Nationalvogel Peru´s ist trotz seiner auffälligen Farbe nicht so ohne Weiteres zu erspähen. Dafür müssen wir uns dann schon mal durchs Gebüsch schlagen. Eine Mitreisende nimmt es wörtlich und kullert Hals-über-Kopf den Abhang hinunter. „Leute, ich hab mich dann mal für die Gruppe geopfert: Jetzt passiert euch nichts mehr.“

   

Wir wissen das sehr zu schätzen, während wir uns auf dem Weg in den Dschungel mit Gummistiefeln über  Baumstämme in teilweise schwindelerregender Höhe hangeln. Da ist es deutlich angenehmer, einmal die Hand des Vorder- oder Hintermannes greifen zu können, als in einen Termitenhügel, einen mit Stacheln bewaffneten Stamm, ein Spinnennetz oder sonst irgendetwas Undefinierbar-Klebriges. Spätestens jetzt wird jedem klar, wie sehr wir hier aufeinander, und wie wenig hingegen die Natur auf uns angewiesen ist.

Wir trinken Wasser aus Bambus-Rohren. Die meisten Pflanzen haben irgendeine Heilkraft, einige kommen der Wirkung von Antibiotika nahe. Und Termiten – unser Guide führt es uns mit zusammengebissenen Zähnen  am eigenen Daumen vor – können dabei helfen, frische Wunden zu verschliessen. Wir teilen uns Matratzen und Moskitonetze, während wir in der Nähe eines Wasserloches übernachten. Und es bleibt jeder von uns eine Zeitlang wach, um auf seltsame Geräusche  zu achten. Wir hoffen, vergebens, einen Tapir zu erspähen, eines dieser drolligen plumpen Tiere, von denen es nur noch wenige gibt. Statt eines Tapirs erspähen wir allerdings jede Menge Vögel, Affen und mehr oder weniger sympathische Insekten, die hier ganz entspannt vor sich hinleben.

Alles regelt sich irgendwie von selbst, und nimmt uns mit in diesen Takt hinein. Mal scheint die Sonne, mal giesst es in Strömen, dann trocknet alles wieder… Und zum Frühstück wird zur Not kurzerhand eine Bananenstaude ins Boot geschafft.

Dschungel, davon haette ich gerne noch ein bisschen mehr. Wo spielte gleich noch Fitzcarraldo? In Iquitos. Auf nach Iquitos!

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Zeit für Filmmusik

Hier ist er also, der Nabel der Welt.

In dreieinhalbtausend Metern Höhe fand Pachacamac, Lieblingssohn des Sonnengottes Inti, endlich den Ort, an dem er den Stab der Götter mit einem Schlag in die Erde treiben konnte: Hier gründete er die Stadt Cusco, das Zentrum des Inkareiches, das sich anschließend in alle vier Himmelsrichtungen ausbreitete. Für  einige Jahrhunderte.

Dann kamen die Spanier mit Hunden, Pferden, Gewehren und ihrer Mission. Bedauerlicherweise wurde das alte Cusco bei dieser Gelegenheit nicht nur missioniert, sondern bis auf die Grundmauern zerstört. Die allerdings blieben erhalten. Weder Erdbeben noch Eroberer konnten ihnen je etwas anhaben.

Ebenso blieben die Traditionen erhalten, die sich bis heute in Cusco widerspiegeln. Sei es auf dem Markt, in der man neben Lebensmitteln auch allerlei Kräuter gegen böse Energien kaufen kann, oder eigens zusammengestellte Gaben für das Opfer an die Erdgöttin Pachamama. Sei es auf dem Friedhof, auf dem sich neben Blumen auch Miniaturausgaben von Teddybären, Nähmaschinen, Büchern, und kleine Inka-Cola oder Bier-Flaschen finden, die ausgiebig ueber die Vergangenheit der Verstorbenen berichten.

 

Ganz und gar von der alten Kultur umgeben ist man jedoch im Juni, zur Zeit der Wintersonnenwende. Zu dieser Zeit, wenn die Sonne der Erde am nächsten steht, sind sich Götter und Menschen besonders nahe. Für die Inka, die sich als direkte Abkömmlinge  des Sonnengottes sahen, war es Zeit fuer das Wichtigste ihrer Feste. Inti Raymi, das Sonnenfest.

So ganz im Sinne der katholischen Kirche war das jedoch nicht, die das Fest verbot, kurz nach dem sie sich gemeinsam mit den Hunden, Pferden und Gewehren in Peru niedergelassen hatte

Knapp fünf Jahrhunderte später: Menschenmassen strömen den Berg hinauf in Richtung der Festung Sacsayhuaman. Hier, wo sich seinerzeit die Inkas verschanzten, um gegen die Eroberer zu kämpfen, lebt die alte Zeremonie wieder auf. Schon Tage zuvor steht ganz Cusco Kopf: Nicht nur Schulklassen tanzen um Wette: Wer hat das schönste Kostüm, wer die beste Choreographie?

 

Andere schauen besorgt in den Himmel: Pünktlich zum Sonnenfest, mitten in der Trockenzeit des peruanischen Winters wird Regen angekündigt. Regen hat in diesen Tagen den unangenehmen Nebeneffekt, dass es praktisch kaum eine Möglichkeit gibt, die Kleidung zu trocknen. Ich habe in Cusco weder Restaurants, noch Hostels, noch ein Wohnhaus gefunden, das ueber eine Heizung verfügt hätte. Neben der (Originalton) miserablen Bildung und medizinischen Versorgung eines der vergleichsweise kleineren Probleme, mit dem die Menschen hier zu kämpfen haben. Obwohl Peru heute als eines der am schnellsten wachsenden Länder Lateinamerikas gilt. Eiskalt läuft es mir den Rücken hinunter, als mir ein Mann erzählte, dass sein Vater an die Dialyse musste, und sie irgendwann nicht mehr bezahlen konnte. Ich frag noch völlig  naiv: „Und, was habt ihr gemacht?“ Die schlichte Antwort: „Er ist letztes Jahr gestorben.“

Dagegen sind die Unanehmlichkeiten, mit denen wir auf dem Weg nach Machu Picchu konfrontiert werden, praktisch gar nichts:

Der Bus, dessen Spurbreite, wenn überhaupt, nur ganz unwesentlich geringer ist als die Breite der Brücke, über die uns der Fahrer nach mehreren Anläufen balanciert. Gustavo, ein Argentinier, sieht meinen Blick  und lacht schallend: „Na, das wäre in Deutschland nicht drin, oder?“ Die Haftpflichtversicherung möchte ich sehen!

Der Benzinwagen, der direkt vor uns versucht, einen ziemlich steilen Berg hinaufzukommen, und ganz augenscheinlich große Probleme mit seiner Handbremse hat: Mit jedem neuen Start rutscht er dichter an unsere Kühlerhaube heran. Zeit für ein Stoßgebet, das von Herzen kommt.

Oder schließlich der Weg nach Aguas Calientes – dem Ausgangspunkt für den Aufstieg nach Machu Picchu: Spontan wie immer hatte ich den Trip bei der erstbesten Reiseagentur gebucht. Und vielleicht hatte ich ja auch nicht richtig zugehört, doch bis heute habe ich die Stimme des Verkäufers im Ohr:  Und von da aus fährt dann ein Zug in die Stadt. Nun, das stimmt ja so weit auch. Nicht nur einer, viele Züge fahren nach Aguas Calientes.

Allerdings ohne uns, denn wir legen die Strecke zu Fuss zurück, immer direkt an der Bahnstrecke entlang. Zwei Stunden lang geht es über das Gleisbett. Mal mit festem Boden darunter, mal über metertiefe Gräben. Manchmal über Brücken, die den Namen mehr oder weniger verdienen, mal über klapprige Gerüste, in die ich nicht das geringste Vertrauen habe. Bloß  nicht nach unten sehen…

„Das ist Peru!!!“, jubelt Gustavo glücklich. Ich schaue sehnsüchtig den blau-gelben Zügen hinterher, die gelegentlich an uns vorbeirattern. Dort sitzt man jetzt vermutlich schön warm und trocken. Wir hingegen sind nass wie die Katzen, denn pünktlich zu Beginn der Wanderung beglückt uns die Trockenzeit  mit einem Wolkenbruch, der sich gewaschen hat. Vorsichtig glibschen wir auf den rutschigen Holzbohlen vorwärts. Inzwischen ist es stockfinster. Die Dämmerung dauert hier nicht lange.

„Alles Teil des Abenteuers!!!“ Gustavo strahlt und knipst die Taschenlampe an. Wo nimmt der Mann nur diese gute Laune her? Ich hake mich bei ihm unter, und höre mir in den nächsten  anderthalb Stunden lustige und weniger lustige Geschichten über  sein Leben an, während wir langsam über die Gleise hangeln.

Kurz vor dem Ziel halten wir plötzlich  an: Unserem Guide – einem einzigen, der die Verantwortung für rund vierzig Personen tragen muss – fällt  auf, dass irgenjemand fehlt. Immer wieder zählt  er durch. Nach einem kurzem Telefonat mit seinem Chef macht er sich dann auf, diesen Jemand zu suchen. Eine Frau, einen Mann? Niemand weiss das so genau. Nach rund zwanzig Minuten kehrt er zurueck: Er gehe davon aus, dass sich Wer-auch-immer einer anderen Gruppe angeschlossen habe. Bis heute frage ich mich manchmal, warum wir uns zwar wunderten, doch niemand von uns noch mal nachgefragt oder sich ernsthaft gesorgt hat. Ich selbst bin auch nicht auf die Idee gekommen.

Alle waren wir viel mehr damit beschäftigt, uns warm zu halten,  oder mit unseren Gedanken schon beim nächsten Tag.  Warum sollte ausgerechnet ich etwas tun, es sind doch noch so viele andere da? Das ist wohl das Phänomen, das man auch Diffusion der Verantwortung nennt – hier einmal hautnah erlebt.

Irgendwann zwischen Mitternacht und Morgengrauen klingelt der Wecker. La Madrugada nennt man diese Stunden hier. Von jetzt ab beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn wir wollen den Aufstieg noch vor dem Sonnenaufgang schaffen. Man könnte die kilometerlange Serpentinenstrecke zwar ganz bequem mit dem Bus zurücklegen, doch daran denke ich nur kurz. Ich sehe den Blick von Gustavo: Weichei!

Stattdessen machen wir uns auf und erklimmen den Berg auf authentischem Wege über unzählige unebene Inka-Stufen. Es heißt, es seien insgesamt eintausendsechshundertsechsundsechzig. Am Anfang läuft alles ganz entspannt und wie am Schnürchen. Doch als die Dämmerung anbricht, geht der Stress los: Ich laufe viel zu schnell, nehme zwei Stufen auf einmal, mache keine Pausen, trinke kein Wasser – und kriege promt die Quittung präsentiert. Die Luft ist hier eben immer noch ziemlich dünn.

Wie so einige andere verbringe ich nun mehr Zeit damit, nach Sauerstoff zu schnappen, als vorwärts  zu kommen. Ich zähle: dreißig Stufen bis zur nächsten  Pause, fünfzehn… Die komplett durchgeweichte Jeans in meinem Daypack wiegt geschätzte drei Zentner. Ich kann nicht mehr!

Wie eine junge Gazelle hüpft nun Gustavo lächelnd die Stufen an mir vorbei. „Hey, beeil dich mal ein bisschen.“ Na super! Mit besorgterer Mine fügt er jetzt hinzu: „Soll ich auf dich warten?“

Umgeben von einer atemberaubenden  Kulisse  ist genau jetzt die Zeit für die große Dramatik gekommen: „Nein, nein!“ winke ich ab, ganz sterbender Schwan. Ein Close-Up in Zeitlupe und etwas Filmmusik würden mir jetzt ausgesprochen gut gefallen: Lauf du nur, Gustavo,  lauf. So schafft es wenigstens einer von uns. Und grüß mir…..

„Noch fünfzig Meter.“ Mit einem Schlag zerstört Gustavo  die Violinenklänge.  Ich beisse die Zähne zusammen. „Zwanzig, …. zehn.“ Was freue ich mich auf den Gipfel!

„Und?“ Nichts ist davon zu sehen, nur Bäume und noch mehr Stufen. „Sag mal, sagtest du nicht etwas von wir seien gleich da?“ „Sind wir ja auch,“ flötet Gustavo. Er grinst breit: „Noch mal fünfzig!“ Ich hatte ja ganz vergessen, dass dieser Berufsoptimist auch noch erfolgreicher Marathonläufer war. „Ich hasse dich!“ „Ich wei-heiss…,,“ ruft er die Stufen herunter, „aber wenigstens gibst du nicht auf.“

Danke, Gustavo! Schnaufend und völlig fertig aber überglücklich habe ich dank dir dann doch noch die Chance auf diesen Anblick:

Jetzt brauche ich keine Filmmusik mehr. Das ist Filmmusik.

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Hundertmal „El Condor Pasa“

Mitten in der Nacht wache ich auf. Draußen ist es stockfinster, gelegentlich zeigt ein Lichtschein entgegenkommende Autos an. Die einzige Orientierung  bieten Gehör und Gleichgewichtssinn. Letzterer berichtet davon, dass es gerade steil bergauf gehen muss. Er erzählt auch, dass wir uns diesen Weg durch sehr enge Kurven bahnen, häufig beschleunigen und scharf das Tempo reduzieren. „Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob das eine gute Idee ist.“ fügt mein Gehör zweifelnd hinzu, dem das nervöse Gequietsche der Bremsen so gar nicht passt. „Ach was, es geht in die Höhe?“, meint Blutdruck und freut sich schon auf die Zusammenarbeit mit Herzklopfen und Schlaflosigkeit. Ich mache die Augen ganz schnell wieder zu und rolle mich etwas tiefer in meinen Sitz: Hab´mir die Suppe ja selbst eingebrockt.

Arequipa. Der Name stammt  aus dem Quechua und soll in etwa bedeuten: Bleiben Sie. Tatsächlich ist Arequipa mit seinen Gebäuden aus weißem Vulkangestein , ebenso wie seine Einwohner, ausgesprochen charmant. Dabei bietet diese Stadt gleich mehrere Superlative auf einmal an: Sie ist das Tor zum Colca-Valley, das mit seinen dreitausend Metern Höhenunterschied  einen der tiefsten Canyons der Welt darstellt. Sie wird umgegeben von Misti, Pichu Pichu und Chachani, drei bis zu sechstausend Meter hohen Vulkanen, die zum Teil noch aktiv sind. Seine  Kathedrale ist eine der wenigen, die die Flagge des Vatikans hissen duerfen. Und das Kloster Santa Catalina ist fast eine kleine Stadt.

   

„Auch wenn wir katholisch sind“, so sagen die Arequipaner, „hat Pachamama fuer uns grosse Bedeutung. Pachamama, die Göttin der Erde, ernährt uns und beschützt uns“. Allerdings muss Pachamama auch besänftigt werden. Erdbeben sind in Arequipa keine Seltenheit.  An Pachamama wird stets etwas von dem zurückgegeben, was sie bereithält.  Sei es ein Schluck Inca-Cola (der peruanischen Antwort auf Pepsi und co.) oder ein paar Coca-Blätter, die auf den Boden gegeben werden.

Coca-Blätter findet man hier praktisch überall, denn sie sind das Allheilmittel gegen die Höhenkrankheit mit ihren ekligen Symptomen wie Atemnot und Übelkeit, bis hin zu Durchfall und Fieber. Alles Dinge, die man weder auf Reisen, noch sonst gebrauchen kann. Aus den Coca-Blättern wird Tee zubereitet, oder sie werden einfach bei jeder erdenklichen Gelegenheit gekaut. Manche schieben sie in eine Wangentasche und saugen nach und nach den Saft aus ihnen heraus. Das macht dann zwar ein seltsames Hamstergesicht, hilft aber.

Fast noch wichtiger als Coca-Blätter ist jedoch warme Kleidung. Während es in Arequipa  noch sonnig und warm ist, fallen die Temperaturen im Colca Canyon während der Nacht auf unangenehme Minusgrade. Handschuhe, Mützen, Schals und Socken aus dicker Alpaka-Wolle, kann man jedoch an jeder Ecke kaufen, und dabei die Trachten der Verkäuferinnen  bewundern.  Für den Kenner behalten diese sogar versteckte Botschaften bereit. Der Hut, so wird uns erklärt, erzähle beispielsweise viel über die Abstammung der Trägerin. Die Form der Krempe verrate, ob sie verheiratet sei oder nicht.

Mit diesem Wissen und viel Wasser ausgestattet, machen wir uns auf den Weg in den Canyon. Und das heißt, es geht jetzt noch einmal richtig bergauf über den knapp fünftausend Meter hohen Patapampa-Pass. Nach und nach verändert sich die Landschaft. Warum werde ich auf einmal so müde? „Das ist die Höhe, trink Wasser!“ Und wenn du aussteigst, gaaaaaaanz, ganz langsam laufen! Ein wirklich guter Rat, denn hier ist nicht nur die Vegetation, sondern auch die Luft richtig dünn. Ein gruseliges Gefühl, nach nur ein paar Schritten bereits außer Atem zu sein. Und auch sonst scheint mein Körper  komplett verrückt zu spielen.

 

„Was sind denn das für  Steinhäufchen?“ „Jedes Häufchen steht für einen Wunsch, der in Erfüllung gehen soll.“ Ich baue gleich zwei und wünsche mir inständigst, dass es mir bald wieder besser geht. Die Landschaft, die bereits jetzt einen Vorgeschmack auf das Colca-Valley bietet, entschädigt  allerdings für alles.

Das Mittag- und Abendessen (vielen Lama-Fleisch- oder Quinoa-Variationen, einem der aeltesten Getreide der Welt) wird von typischer lokaler Musik und merkwürdigen Tänzen begleitet, die in Deutschland vermutlich die Sitte auf den Plan gerufen hätten. Ich kann mir den Gedanken nicht verkneifen, dass sich die Peruaner doch innerlich über die doofen Touristen totlachen müssen, die alles, aber auch alles mit sich machen lassen.

Nach dem gefühlt hundersten Mal „El Condor Pasa“ schleiche ich in die nächstgelegene Apotheke. Gott, ist mir schlecht! Binnen Kurzem werde ich nicht nur von der Apothekerin, sondern auch sämtlichen Kunden beraten. Ich glaube, sie halten mich für schwanger, denn allesamt wünschen sie mir freudestrahlend ganz, ganz viel Glück. Das wünsche ich mir auch…

Am nächsten Morgen machen wir uns in aller Frühe auf zum Kreuz der Kondore. „Das Wichtigste,“ so sagt uns die Reiseführerin, „ist positive Energie. Wenn wir positive Energie ausstrahlen, kommen auch die Kondore.“  Ich bin voll positiver Energie: Egal ob Steinhäufchen oder Medizin, irgendetwas muss geholfen haben: Ich bin wieder okay.  So, Kondore, ihr könnt kommen!

Mit ihren drei Metern Spannweite sind das  wohl die eindrucksvollsten Vögel, die man sich vorstellen kann.

Kein Wunder, dass sie für die Inka gemeinsam mit Schlange und Puma die uns umgebenden Welten symbolisierten: Der Puma herrschte über die hiesige Welt, die Schlange über die Unterwelt. Doch der Kondor, Herrscher über die Welt des Himmels, konnte als Einziger die Grenzen aller spirituellen Welten überwinden. Seine Aufgabe war es daher, die Seelen der Verstorbenen auf seinen Flügeln durch die Welten zu tragen, damit sie sich auf die Wiedergeburt in der hiesigen Welt vorbreiten konnten. Dafür allerdings musste der Tote genügend Meerschweinchenfleisch für den Kondor mitbringen.

Colca Canyon

Es ist schon ein außergewöhnliches Land, dieses Peru.

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